In Hollywood erfolgreich zu sein, ist der Traum von vielen Schauspielern. Thomas Kretschmann ist das gelungen. Die Rolle als deutscher Offizier in Polanskis Film "Der Pianist" war sein Durchbruch. Dabei begann seine Karriere als große Hoffnung des DDR-Schwimmsports in Dessau. Doch mit 17 hörte er auf, "Kacheln zu zählen", mit 21 floh er "in den Westen". 30 Jahre nach Wende und Mauerfall wird eine Rolle in Bully Herbigs Film "Ballon" für ihn zum schmerzhaften Vergangenheitstrip. Was ihn zum "Durchhalteprofi" machte ...
Im Alter von zehn Jahren geht Thomas Kretschmann von Dessau nach Halle auf die Sportschule, bereits mit elf schwimmt er DDR-Rekord über 1.500 Meter Freistil. Das macht ihn zum Olympia-Kader. Die sozialistische Heimat hat Großes mit ihm vor.
Ich bin 20 Kilometer geschwommen pro Tag. Wir waren ja schön übertrainiert. Doch Kretschmann widersetzt sich dem erteilten "Leistungsauftrag". Als er die Willkür eines Trainers miterlebt und einer seiner Sportkameraden am Mobbing fast zerbricht, schwört er, sich nicht zum Opfer machen zu lassen. Mit 17 beendet er seine Leistungssportkarriere, auch wenn er weiß, dass er seine Mutter damit schwer enttäuscht. Stattdessen macht er nach der Schule die Aufnameprüfung an der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch", besteht, tritt das Studium aber nicht an. An seinem 21. Geburtstag flieht er 1983 über Ungarn und Jugoslawien in den Westen. Die Wachtürme in Sichtweite rennt er los. Ich hörte überall Hunde bellen und (...) bin losgerannt, da waren Felder und Wald und es wurde Nacht. Ich bin gerannt wie ein Wahnsinniger, irgendwann habe ich angehalten und war wie geduscht. Ich habe auf die Uhr geschaut, da war es 12 Uhr nachts. Das heißt, ich bin gut sechs Stunden voll speed gerannt, um mein Leben irgendwie.
Und manchmal ist sie plötzlich wieder da die Vergangenheit: Zuletzt als er mitspielt in Bully Herbigs Film "Ballon", der die Flucht-Geschichte zweier ostdeutscher Familien mit einem Heißluftballon erzählt, auch wenn er darin einen Stasi-Offizier, einen echten Hardliner mimt. Die Dreharbeiten werden für Kretschmann zum Vergangenheitstrip, der ihm schwer zu schaffen macht, obwohl er nach außen meist den coolen Typ gibt. Regisseur Herbig erzählt: "Er hat immer gesagt, dem Typen, den ich da spiele, dem saß ich gegenüber. (...) Als er dann den fertigen Film final gesehen hat, platzte das förmlich aus ihm raus, ihm liefen die Tränen runter. Das fand ich auf der einen Seite natürlich ein riesen Kompliment für den Film, auf der anderen Seite zeigt es aber auch, was das mit ihm gemacht hat." Im Wasser fühlt sich Thomas Kretschmann immer noch "ziemlich zu Hause", auch weil er sein "Biotelefon zur Außenwelt" abschalten kann: "Für die Anderen bin ich weg, für mich bin ich da.“
Auch ohne Ausbildung an der "Ernst Busch" bringt es der ehemalige Langstreckenschwimmer zum international erfolgreichen Schauspieler. Für eine seiner ersten Rollen, im TV-Film "Der Mitwisser", bekommt er 1991 den Max-Ophüls-Preis als bester Nachwuchsdarsteller. Ab da fällt er auf. 1993 engagiert ihn Joseph Vilsmaier für eine Hauptrolle im Kriegsdrama "Stalingrad". Gegen das Klischee spielt er einen sich verweigernden Wehrmachtsoffizier. 2002 kommt sein internationaler Durchbruch. Roman Polanski verfilmt die Memoiren des polnisch-jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman, der den Holocaust dank eines deutschen Offiziers überlebte. Kretschmann spielt ihn. Seitdem, erzählt Kretschmann, habe er sich nicht mehr gefragt, ob er als Schauspieler gut genug sei, "weil Polanski fand, dass ich es bin." Bald dreht er einen Film nach dem anderen. Er schafft es bis nach Hollywood. Dort lebt er komfortabel, aber nicht im Jetset. Seit neun Jahren zusammen mit seiner Freundin Brittany, die auch mal Schwimmerin war und jetzt seine Muse ist. Drei, vier Filme mache er im Jahr, erzählt er. Inzwischen hat Kretschmann die Fotografie für sich entdeckt. Mit Porträts von Kollegen wie Daniel Radcliff fing es an. Einmal im Monat gestaltet Kretschmann nun die letzte Seite des Musik-Magazins "Rolling Stone". Erstmals stellt er 2019 auf der Photo Week in Berlin aus, an der Seite berühmter Kollegen. Früher ging er nach den Drehs mit Kollegen einen trinken, heute will er meist schnell wieder an den Rechner, Fotos sichten. Seine Art zu leben, konzentriert auf sich, pendelnd zwischen Los Angeles und Berlin, all das empfindet der dreifache Vater, dessen eigene Kindheit viel zu früh vorbei war, als Privileg.
Manchmal wisse er allerdings nicht mehr so genau, wo er hingehöre, sagt Kretschmann. Seine Tochter Stella meint, es gebe den "LA-" und den "Berlin-Thomas". Letzterer sei aktiver und glücklicher, weil er in der Stadt Freunde treffen und seine Sprache sprechen könne. Viele Menschen sind es nicht, mit denen Thomas Kretschmann lieber zusammen ist als mit seinen Hunden. Olaf Heine ist einer von ihnen und der sieht den Freund so: Wenn du durch einen Todesstreifen hetzt, jede Sekunde darauf wartest, dass du erschossen wirst, das hat Einfluss auf dein gesamtes Leben. Thomas hat keine Furcht, der geht mutig durchs Leben, die Standards gelten für ihn nicht, die sind verschoben.
Seit 24 Jahren lebt und arbeitet Thomas Kretschmann in Los Angeles, und Dessau tut immer noch weh. In die Stadt seiner Kindheit und Jugend kommt er nicht gern zurück, seit die Mutter tot ist. Dort gibt es sie noch die Plätze, die ans "Schwimmen mit Daumenschrauben" erinnern und die zugleich irgendwie Heimat sind: Das alte Trainingsbecken am Rehsumpf, angelegt an einem toten Arm der Mulde. Dass man "viele Kacheln zählen muss", bevor man am Ziel ist, hat er auf der Langstrecke gelernt. Das "Schwimmregime" und die Flucht, das hat rückblickend für ihn zumindest etwas Gutes: "Deswegen bin ich schwer tot zu kriegen, in jeder Situation", sagt der "Durchhalteprofi".
