Raus aus dem Giftschrank

Wagners „Meistersinger“ in Posen

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Posen, eingehüllt in das C-Dur-klare Vorspiel aus der politischsten aller Wagner-Opern, den Meistersingern. Da kommen ungute Gefühle auf. Im 18. Jahrhundert wurde Posen unter preußischer Herrschaft zwangs-germanisiert. Im 20. Jahrhundert überzogen die Nazis die Zivilbevölkerung mit Massenverhaftungen und Exekutionen. Das alles klebt in der kollektiven Erinnerung. Das städtische Opernhaus wurde noch unter deutscher Ägide errichtet. Darin entsteht gerade etwas, was hiesige Gemüter einer empfindlichen Nervenprobe aussetzt. Nach fast 100 Jahren „Meistersinger“- Tabu in Polen hat diese Oper, die in der Kurzfassung „Adolf Hitlers Lieblingsoper“ genannt wird, eine Premiere, die lange Zeit als schwer zumutbar galt. Die Inszenierung des Hamburger Regisseurs Michael Sturm vermeidet alle Anspielungen auf eine Alt-Nürnberg-tümelnde Wagnerwelt. Den Sängerwettstreit der redlichen Handwerker wandelt er in eine hippen Partygesellschaft, in einen sportlichen Song- Contest, dessen Gewinner das Evchen, die Tochter des Goldschmids bekommt. Schon etliche Male wurde der mit nationalem Pathos wuchernde Hans Sachs auf der Opernbühne „entnazifiziert“. Hier verweigert das ganze Volk dem Übervater die Gefolgschaft. Wagners Erzählung, glaubt Intendantin Renata Borowska, passt mit seinen Fragestellungen perfekt in die Gegenwart, auch und besonders in die polnische. Das sieht das rechtsnationale Lager Polen anders. Mit dem Aufruf „Verehre die heilige polnische Kunst!“ zieht die Redaktion von TV Republika gegen die Posener Premiere zu Felde. Zuwider ist ihr Wagner, der die Nazis inspiriert habe, seine Musik sei vor allem die Reichsparteitags-Filmmusik von Leni Riefenstahl. Und die Kompetenz eines israelischen Musikdirektors am Posener Opernhaus sei sowieso zweifelhaft. Gabriel Chmira heisst der Generalmusikdirektor und der ist genervt. Die Oper handele von der Kunst, sagt er, die ganze politische Diskussion sei aufgeblasen.