Die Beethoven-Sonaten. Das so genannte Neue Testament der Klaviermusik, in großen Teilen schwierig, gefürchtet. Levit hat die Sonaten nun eingespielt, alle 32. Er spielt die Mondscheinsonate, das Adagio Sostenuto, als ruhigen Fluss, ohne eine Spur von Pathos. Mit dieser Sonate begann der dramatische Hörverlust Beethovens, der ihn in die völlige Taubheit führte. Igor Levit bewegt das Schicksal des Komponisten: "Was muss der Mann gelitten haben und auf der anderen Seite: Was muss der Mann auch an Dankbarkeit für jede Gefühlsregung in sich verspürt haben. Er muss einen Grad an Lebensintensität gewonnen haben, vor dem ich nur sprachlos stehen kann."
Den kompletten Sonatenzyklus Beethovens einzuspielen, ist eigentlich gereiften Klavier-Senioren vorbehalten, den Altmeistern. Und nun macht sich ein 32-Jähriger an diesen Koloss. Man hat ihm die Chance gegeben und er wollte es: "Auf die Frage, warum ich das mit 32 mache, möchte ich gerne mit einem wunderbaren jüdischen, sehr kurzen Witz antworten, über zwei alte Freunde, nennen wir sie Grün und Blau, die in einem Gespräch am Tisch sitzen und Blau fragt Grün: 'Sag mir, warum müssen wir Juden immer mit Gegenfragen auf Fragen antworten und der andere antwortet: Warum nicht?'"
Der Pianist Igor Levit hat noch ein anderes, politisches ICH. Er nimmt Stellung, mischt sich ein. Ohne Politik geht es nicht, sagt er. So tritt er im September in der Fußgängerzone von Oldenburg auf. Er spielt Bach. Sein Beitrag zur Unterstützung der Proteste gegen das Klimapaket der Bundesregierung. "Ich würde es immer wieder tun. Ich werde es immer wieder tun, weil bei dem, was gerade in der Welt passiert, bewerte ich Nichtstun als stille Zustimmung. Und das halte ich für unentschuldbar. Vollkommen egal, in welchem Beruf du dich befindest"
Igor Levit spielt Klassik, aber AUCH politische Programmmusik: "El Pueblo Unido", die Hymne der von den USA blutig niedergeschlagenen chilenischen Revolution. Als Klaviervariation "The People United Will Never Be Defeated!" komponiert von Frederic Rzewski. Die Auswahl ist auch das Statement eines politisch Linken. Und er twittert, mehrmals täglich. Er versteht es als Bürgerpflicht: Sich nicht in die Musik verkriechen, für die europäische Idee, für Toleranz, Gesicht zeigen. In der Klassikszene ist er damit eine Ausnahmeerscheinung. Er selbst kommentiert dieses Engagement bei Twitter oder auch mal auf der Bühne so: "Das ist nicht irgendwie ein Teil meines Lebens, das ist mein Leben. Das heißt, es bestimmt meinen Alltag. Ich handle und bin sehr aktiv, öffentlich und zum großen Teil nicht öffentlich, in meinem Alltag."
