Buchempfehlung "Akkord der Welt" – eine Biografie gegen das Beethoven-Klischee
Joseph Haydn schrieb über hundert Sinfonien, Beethoven nur neun. Aber die hatten es in sich: Es sind die meistgespielten Sinfonien der Welt. Der Mensch hinter dieser bewunderten Musik hat gelitten. Er verliebte sich immer wieder und blieb allein. Mit 28 Jahren begann sein Hörverlust, bis zur vollständigen Taubheit. Nun erscheint eine große Beethoven-Biografie, passend zum Beethoven-Jahr 2020. Geschrieben hat sie der Musikwissenschaftler Matthias Henke.
Er schrieb Musik für die Ewigkeit. Dabei war er ein schwieriger Zeitgenosse: Ein wilder Ungestümer, dünnhäutig, und hochsensibel. "Ich vermute, dass er alles sehr viel feiner wahrgenommen hat als robustere Zeitgenossen", so Henke. "Zum Beispiel Vibrationen, Geräusche und Gerüche. Das konnte ihn euphorisch werden lassen, aber auch eine Belastung sein, je nach Situation."
Der Musikwissenschaftler Matthias Henke hat sich jahrelang durch die Beethoven-Quellen gearbeitet. Seine 360-Seiten Biografie widerspricht vielen gängigen Etikettierungen und Pauschalierungen Beethovens. Es ist ein leises Buch gegen ein dröhnend-heroisierendes Beethoven-Klischee. "Ich wollte ihn von seinem Titanismus befreien, weil viele Kommentatoren im 19. Jahrhundert ihn als eine Art Halbgott dargestellt haben – eine Tradition, die sich fortschreibt", erklärt Henke. Außerdem habe der Autor Beethoven in seine Zeit einbetten wollen: "Das war eine wahnsinnige Umbruchszeit, in der eigentlich permanent Krieg war."
Man nennt Beethoven den "Revolutionär". Aber war er das wirklich? Der politische Beethoven war ein Anhänger der französischen Revolution, er wollte die Gleichheit der Menschen, wünschte den Adel zum Teufel. Aber er verkehrte zugleich unter diesen Adeligen, sie waren seine Auftraggeber und Freunde, manchmal wünschte er gar, einer von ihnen zu sein. "Ich würde sagen, er brach immer wieder Konventionen im gesellschaftlichen Umgang. Insofern könnte man ihn Rebell nennen", so Henke. "Andererseits spielt er auf der gesellschaftlichen Klaviatur auch ganz gut. Es ist ja so weit gekommen, dass er im Jahre 1809 eine Rente erhalten hat von Wiener Adeligen, Musikfreunden."
Beethoven und die DDR
Die DDR sah in dem Komponisten einen der ihren – einen Klassenkämpfer. In der DEFA-Verfilmung "Beethoven. Tage aus einem Leben" überbieten sich zwei Grafen in Beethoven-Schwärmereien. So heißt es da: "Beethoven vermittelt uns deutlich die Einheit alles Humanen. In solcher Musik ist das ewige Heil beschlossen. Auf ihren Flügeln erheben wir uns zum Höchsten und Edelsten." Dazu meint Henke: "Da merkt man, dass man Beethoven als ein Leitbild verstehen und definieren will, als ein Vorbild und Vorkämpfer der sozialistischen Gesellschaft."
Henke zeigt die bizarren Gegensätze zwischen dem gefeierten Künstler und seiner kläglichen Existenz. Der Junggeselle lebt in wechselnden Wohnungen, mit Essenresten auf dem Klavier und dem ungeleerten Nachttopf unterm Bett. Mit zunehmender Taubheit meidet er die Gesellschaft, vereinsamt. Sein künstlerischer Erfolg geht einher mit der Verwahrlosung seiner Erscheinung. "Er ist eines Tages sogar mal als Landstreicher verdächtigt worden, weil er so verlottert aussah", so Henke.Seine Biographie erzählt von einem Beethoven, der immer wieder mit neuen Wendungen überrascht, der niemals auserzählt ist.